Klettern in Marokko, Taghia, März / April 2008

oder
Größte Abenteuerspielwiese für sehr vitale Sportkletterer mit alpinem Flair und Ambiente nahe Europas
oder
Nicht ganz ernst zu nehmender, amtlicher Fahrtbericht eines dafür nicht zuständigen und bei dieser Bergfahrt mitgeschleiften und fast verschlissenen Oldies

Ich wache in Marrakesch auf, früh am Morgen gegen 4 Uhr beim Ruf des Muezzin, schweißgebadet, in einem französischen Doppelbett. Neben mir liegt Peter, schlafend wie ein großes Kind und ich habe geträumt, er singt sein Lieblingslied „…und ich, ich fass dir an die Pflaume“. Und ich rief: „Aber ich hab doch gar keine!“ Der Muezzin hat mich gerettet.
Morgen, Montag, 06.04.2008, sind 3 Wochen vorbei, wo ich meine Heimatstadt Leipzig verlassen habe.

Ein besonderer Glücksfall im Verlaufe meines Lebens ließ mich an dieser Reise, an dieser Bergfahrt teilnehmen. Vier junge Bergfreunde aus Dresden, Rüdi, Tobi, Michi und Tino wollten wieder mal an einem exotischen Ort dieser Welt, wie jedes Jahr, alpines Neuland erschließen und diesmal war nach Grönland, Mexiko und Chile (Patagonien) eben dieses Taghia (sprich Tachia mit hartem „ch“) dran. Von dem viele Kletterer noch nicht mal den Namen gehört haben. Neuland eben. Dem Interessierten sei gesagt, es liegt gegenüber der bekannteren Todra – Schlucht auf der anderen, der nördlichen Seite des Hohen Atlas – Hauptkammes in Marokko.

Die drei Erstgenannten wollten allerdings nur drei junge Mädels mitnehmen, was ja an sich sehr vernünftig ist und zum Abbau von Spannungen(!) führen kann. Es gab allerdings Einsprüche, insbesondere von Tino, der offensichtlich ein gebranntes Kind ist, aber eben auch sehr verschrobene Ansichten hat. Jemand verstieg sich sogar soweit, zu behaupten, dass er eigentlich ein alter Mann ist mit einem jugendlichen Gesicht. Tino setzte sich durch und hatte eine Ausweichlösung: Er hat einen Vater, Peter, Peter hat mich und wir kennen Dieter. Also fuhren stattdessen drei Senioren, Oldies oder ähnliche Schimpfworte, die die Kinder für uns hatten, mit. Vielleicht nahmen sie uns nur wegen dem vielen Übergepäck, den paar Kilometer Fixseilen und hunderten Bohrhaken mit, die wir durch die Einscheckschalter möglichst kostenlos durchzubringen hatten. Den wahren Grund habe ich nie erraten. Schwul waren sie jedenfalls nicht. Allerdings kann ich auch nicht behaupten, dass sie das Gegenteil waren. Zumindest hatte auch keiner gegenüber den vielen hübschen Berbermädels irgendwelche Gefühle gezeigt. Obwohl zu ihrer Ehrenrettung gesagt sei, das marokkanische Gewehr hing immer über unserer Schlafzimmertür. Vielleicht sind sie einfach nur feig.
Es gab auch einen Fahrtenleiter. Auch da habe ich nie herausbekommen, warum Rüdi diese undankbare Aufgabe übernommen hat. Drei Möglichkeiten fallen mir ein: Sie haben gewürfelt. Sie haben den Intelligentesten genommen. Sie haben den genommen, der die wenigste Zeit hat. Rüdi hat viel Arbeit, Haus, Hof, Frau und Kind. Das passt!
Und warum bin ich mitgefahren? Ich sehe meine Mutter sich im Grabe rumdrehen und fragen: „Junge, musst du dir das antun, warum willst du nach Taghia?“ Und ich sage: „Warum nicht? Ich brauche wieder mal einen geistigen und körperlichen Eindruck und eine seelische Bewertung“. Und: „Weißt du, Mutti, in letzter Zeit hatte mein Leben keine Höhepunkte mehr und wenn man diese nicht hat, kommt man dem Tiefpunkt immer näher. Der einzige Höhepunkt des vergangenen Jahres war der, dass ich mir am Neujahrstag die Knochen gebrochen habe. Das war zwar neu, aber nicht erhebend. Und dieses Jahr eben sagte mir meine innere Stimme: „Du Arsch, setz deine müden Knochen in Bewegung. Bald liegst du in der Kiste und alles ist vorbei. Früher warst du so stolz, immer deine Grenzen zu suchen und warst sogar bekannt dafür. Vor allem für deine Fehler. Fahr mit und mach keine. Und dann bist du viel zu deutsch, hast dich zu gut und bequem in dieser alltäglichen Unzufriedenheit eingerichtet und bist ja sonst immer nur in dieser aus Kletterersicht herrschenden Schmuddelwetterzeit mit deinem Peter weggefahren!“ Schon war ich dabei.
Mit von der Partie sind auch Sarah und Tony aus England, die bei den letzten großen Bergfahrten mit dabei waren. Die trotz (oder wegen?) ihres Alters (10 Jahre jünger als wir Über-Sechzigjährigen) richtig gute, nette, fleißige, intelligente, gut informierte und bestorganisierte Kletterer sind. Eben englische Gentlemans, sozusagen fast das Gegenteil von uns. Ach so, ein Fehler fiel mir auf. Am Standplatz der vierten Seillänge der Route „Haben und Sein“, 6b+, an der „Cascade“ mit den besten Klettermeter im Kalk, die Tony in seinem Leben geklettert hat (und er hat ja in seinem leben nicht viel anderes gemacht!), fanden wir einen Tag später einen großen toten schwarzen Käfer. Alkohol gab es dort in Taghia nicht. Trotzdem sind wir einstimmig dann am späten Abend zu der Ansicht gekommen, dass zwei Todesursachen in Frage kommen: Der Käfer kommt schweren Schrittes auf dem Band daher und Sarah hört ihn nicht (sie hat ein Hörgerät) und tritt ihn tot oder Tony hat ihn totgequatscht. Es ist sozusagen sein einziger Fehler, der nach meiner Meinung gar keiner ist. Da aber Sarah nicht viel sagt, vermutlich weil sie nichts hört, ergreift er ein „längeres Wort“ in sonorem Ton, wenn das Wort „Climbing“ fällt. Und da wird es immer interessant und lang. Richtig lang. Sehr lang. Guter Fehler!

Ach ja, klettern waren wir auch. Fast alle jeden Tag, nur ich nicht so oft. Unerklärlich, denn es ist das beste Klettergebiet der Welt, wenn man folgende Vorraussetzungen hat: Jung, dynamisch, fehlerlos, gesund, gute Kondition und schwierig klettern. Mindestens im oberen französischen 6. Grad. Gut, dass ich mich schon vorher moralisch darauf eingestellt hatte. Genau diese Eigenschaften habe ich nämlich nicht. Deshalb tat ich im Winter einiges, z.B. Schitouren mit zwischendurch klettern. Das geht an der Martinswand bei Innsbruck sehr gut. Oder Grundkraft in der Kletterhalle. Und dort habe ich mich auch zum Affen gemacht: Wegen der geplanten Erstbegehung und den darin installierten Fixseilen habe ich auch das Aufsteigen an solchen freihängenden Seilen geübt, in der Halle. Mit der Heinz – Zak – Methode in „Land der Berge“. Gut, dass ich danach noch lebte. Es gibt fürs Volk sicherere Methoden. Überhaupt kam dann vor Ort alles ganz anders. Nach Flug, Bus, Jeep, und Eseltransport waren wir in Taghia, einem Dorf in 1890 m Höhe am Fuße des Hohen Atlas und genau am Beginn der durch Canyons tief eingeschnittenen riesigen braunen Kalksteinberge angekommen. Ziemlich tatendurstig ob der langen zweitägigen Anreise. Aber auch dort waren wir dem quälend langen europäischen Winter noch nicht entkommen. In der ersten Nacht regnete es, so dass wir erst mal ausschlafen konnten in Saids „Gite de Etape“, einem der wenigen Steinhäuser des 400 – Seelen – Dorfes Taghia, von denen offensichtlich die meisten freundliche aber aufdringliche Kinder sind. Mittags schien die Sonne und alle stürzten los zum klettern. Wir drei „Alten“ runter zum Sektor „Inshalla“, eine kurze Wand, 150m, 6b. Es sollte ein schöner kurzer halber Klettertag werden. Dieter traute sich als Erster gleich die schwere Einstiegsseillänge zu. Für mich war das gut so, denn im Nachstieg lernte ich meine Grenzen kennen. Eigentlich sind die Schlüsselstellen mit Bohrhaken gut abgesichert, aber dann fehlen wieder auf längerer Strecke die Sicherungsmöglichkeiten. Ein Problem, aber wir hatten ja Dieter; und mich zum Fotografieren als Dritter. Wir, Peter und ich, sind dann in der Folgezeit alles gleichzeitig nachgestiegen. Aber langsam waren wir trotzdem. Die Zeit verrann. Der letzte Standplatz war nicht zum Abseilen eingerichtet. Also wählten wir einen Baum. Und dann blieb das Seil hängen und die Sonne war weg und es wurde kalt. Peter musste mit meinem Tibloc, der bis dahin 10 Jahre umsonst an meinem Gurt baumelte, wieder 50 m hoch. Mit etwas Glück waren wir mit dem letzten Tageslicht unten am Einstieg. Ich vergaß zu erwähnen, dass die meisten Kletterwege zwar schwer sind, dafür aber nur mit längerem Anmarsch von 1 – 2 Stunden über unwegsames Schluchtgelände mit Bachüberquerungen und Seilversicherungen zu erreichen sind. So auch unser Rückweg. Im Dunkeln nicht zu machen. Aber Glück im Unglück: Es war Vollmond, und der schien etwas durch die Wolkendecke. Das reichte. Bei mir allerdings nicht, ich verfehlte einen Stein im Bachbett mit reichlich nassen und leicht blutigen Folgen. In der Nacht Schneefall; am Morgen lag 10 cm Neuschnee. Das veranlasste Dieter zu der Feststellung: „50 Jahre Alpinismus und dann hier in Afrika so eine Fehleinschätzung“.
Das ging mir so an die Nieren, dass ich erst mal einen Ruhetag einlegte und dann allein zu einer dreitägigen Wanderung aufbrach. Ich lernte Land und Leute kennen und war danach mit einem besseren Nervenkostüm wieder da. Und es wurde besser. Jeden Tag kamen die Jungs mit Erfolgsmeldungen von ihrer Erstbegehung zurück. Und nach einer Woche war die 300m lange Route fertig eingerichtet, am letzten Tag noch mal rotpunkt durchstiegen und sicherungstechnisch verbessert worden. Noch waren 200 m Fixseil von der Arbeit an der Route installiert, da stellte abends Tobi die Vertrauensfrage an uns “Alte“ zu unserer Beteiligung an der Erstbegehung. Mein Tagebuch sagt dazu:

Sa., 29.03.2008: Einer der ganz besonderen Tage in meinem Leben! Von dem ich fast ein wenig gefürchtet und geahnt habe, dass er kommt. Ich hatte dieses Gefühl schon ein paar Wochen in meinem Herzen und in meinem Magen getragen: Eine Beteiligung an einer Erstbegehung an einem Big Wall. Zumindest ein bisschen. Und zusammen mit dem ersten Eindruck von Taghia hat sich das Gefühl verstärkt! Und etwas habe ich dafür schon zu Hause getan: In der Kletterhalle das Jümarn geübt nach Heinz Zaks Methode in „Land der Berge“.
Tagelang haben die „Kinder“, Rüdi, Tobi, Michi und Tino eine Erstbegehung vorangetrieben, fast bei jedem Wetter und auch dank meiner Daunenjacke sind sie nicht erfroren. Es ist zunächst Rüdis Kind, die Wand am Oujdad. Aus der Vielzahl möglichen Neulands, das schon zu Hause hohe Wellen der Euphorie ob des offenen Potentials schlug, an Hand der bekannten Unterlagen aus „Klettern“ 6/06, aus Fotos, aus Internet, war dieses Projekt entstanden. Und konkret dann aus der Wanderung am ersten Tag um den Oujdad herum und aus der anfangs noch schlechten Wetterlage heraus war die Entscheidung getroffen. Eine gute Wahl, weil ab Mittag die Sonne herein schien, weil die Wand nur 300 m hoch war im Gegensatz zu möglichen 600 m ringsum. Eine schlechte Wahl (nach meiner Ansicht), weil schwer zugänglich, wie schon geschildert (Berberweg, teilweise versichert, für Wanderer anspruchsvoll) und weil die Wand von einem schrägen, ca. 3 m breiten Band beginnt, auf dem man zwar gut steht, aber von dem auch alles leicht in den ca. 300 m tiefen Canyon fällt. Und weil das bereits installierte 11 mm Fixseil (gut!) genau bis zu dieser Kante von der Wand weghängt oder noch schlimmer, einen halben Meter darüber hinaus.

Nun also war es so weit. Am Vortag, am Freitag, am späten Abend nach der spektakulären Akku- Aktion, war die Route nach tagelanger Arbeit, nach Höhen (am Vortag von Rüdi und Tobi rotpunkt geklettert) und Tiefen (die lieben Akku – Probleme, heruntergefallenes Bohrfutter) fertig. Und gestern, Freitag Abend, stellte Tobi die Vertrauensfrage: „So, ihr Alten, jetzt habt ihr die Chance unsere Route zu klettern. Ich steige vor und dann müssen die Fixseile abgebaut werden. Wollt ihr?“ Vor dieser Frage hatte ich mich gefürchtet und doch so ersehnt oder umgekehrt. Da allerdings die Gelegenheit nicht wiederkommt und eine Absage mein restliches Leben belastet hätte, sagte ich nach ein paar Sekunden letzter Bedenkzeit zu (gedanklich: ich kann es ja mal probieren und notfalls umkehren). Um es dann in der Nacht noch zu „hinterfragen“.
Danach ging es eigentlich schon los. Tobi ergriff sofort die Initiative, erläuterte den Ablauf und die erforderliche Ausrüstung. „Ich gehe vorweg, es sind 8 Seillängen, davon 4 im 7. Grad, da jümaren wir an den Fixseilen hoch. Den Rest klettern wir bis auf den Pfeiler, alles im 6. Franzosengrad, guter Fels, könnt euch freuen“. Und: „Erhard, so gefährlich wie mit deiner Methode und nur mit Tibloc gehst du mir nicht hoch, mach es so wie ich, ich zeig es dir!“ Das überzeugt und baut Vertrauen auf. Und es gibt ein paar Tipps zum Aufsteigen: 2 Steigklemmen am Seil gesichert, y – förmige Steigschlinge in der richtigen Länge, 2 Schrauber am Gurt, Steigschlaufen am Gurt durch Karabiner führen, senkrecht bleiben, Kraft auf die Füße bringen usw. Ich schlafe schlecht in dieser Nacht.
Halb 8 Frühstück, halb 9 los. Tobi sagt, er kennt uns, er will keinen Druck aufbauen. Mir wäre es lieber, eher loszugehen; das haben wir dann am Abend gut, ich bin gebranntes Kind, siehe erster Klettertag. Dreiviertel 10 am Einstieg. Fertigmachen, noch ein letzter Test, ich darf noch einmal üben; Tobi denkt an alles, das schafft wieder Vertrauen: „Passt auf, oben sind die Seile abgetapt, da müsst ihr die Steigklemmen neu ansetzen, aber vorher nicht zu hoch an die Tapestelle schieben, sonst kriegt ihr sie nicht wieder raus und die darunterliegende auch nicht zu dicht an die obere schieben und euch beim Umstieg entlasten und Zeit lassen. Dann ist er weg, nach oben. Peter soll folgen, als Tobi am ersten Stand ist und ruft: „Ihr könnt“. Aber Peter sagt zu mir: „Mach du!“. Und ich los, den Steigset rein, alles prüfen, ein Zug hoch und man schwebt raus ins Bodenlose. Schon nach wenigen Metern komme ich außer Atem. Aber mit Tobi- Methode kein Problem, in die Klemme setzen und ausruhen. Es wird besser, dann schlechter. Tobi ruft mir zu: „Das Fixseil hat sich…

Die Teilnehmer:
Rüdiger Helling
Tobias Wolf
Michael Bänsch
Tino Kohbach
Peter Kohbach
Dieter Rülker
Erhard Klingner
Sarah Whitehouse
Tony Whitehouse

Kletterführer:
Christian Ravier: Taghia, Montagnes, Berberes (französisch)
cravier@club-internet.fr